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Feuerwehr Lüdenscheid schafft neue Brandschutzkleidung an

PBI-Gold
PBI-Gold

Ersatzbeschaffung für 10 Jahre alte Nomex Schutzkleidung,
PBI-Gold ® als neuer Standard


„Die wichtigsten 2 m² Deines Lebens“, mit diesem Slogan wirbt die Feuerwehr-Unfallkasse NRW für den Schutz der Haut als größtes Organ im menschlichen Körper. Aber welchen Stellenwert hat die persönliche Schutzausrüstung bei Feuerwehren zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich?  Noch immer gibt es bei Brandeinsätzen tote oder in Folge von Verbrennungen schwer verletzte Feuerwehrleute. Hat ein Feuerwehrangehöriger der beruflich oder ehrenamtlich für die Gemeinschaft Dienst leistet, nicht den bestmöglichen Schutz verdient? Was kostet eine Rehabilitationsmaßnahme für einen verunfallten Feuerwehrangehörigen?
Was darf die neue Brandschutzkleidung kosten? Bei Fahrzeug- und Gerätebeschaffungen werden die modernsten technischen Neuerungen berücksichtigt und angeschafft.  Bei der Beschaffung neuer Schutzkleidung werden Kosten gespart und oftmals auf „das Bewährte“ zurückgegriffen. Aussagen wie: “Das brauchen wir nicht, das ist zu teuer.“ sind hier keine Seltenheit. Die Lebensdauer der von vielen Feuerwehren verwendeten Brandschutzkleidung läuft einer Studie zu Folge nach 10 Jahren ab. Hohe thermische Belastung, mechanische Einwirkung, häufiges Waschen und Trocknen lassen Brandschutzkleidung altern und mindern so die Schutzwirkung.
All diese Faktoren und offenen Fragen waren für die Feuerwehr Lüdenscheid Anlass genug, sich nicht auf das Bewährte zu verlassen, sondern den Markt auf Alternativen zu untersuchen. Das Ergebnis soll im Folgenden dargestellt werden.

Gründung einer Projektgruppe

Messebesuch
Messebesuch/Düsseldorf

Da die „Lebenserwartung“ der in Lüdenscheid verwendeten Nomex®-Brandschutzkleidung bereits überschritten war, wurden im vergangenen Jahr erste Überlegungen zur Ersatzbeschaffung angestellt. Neben der Auswahl des Materials wurden auch die konstruktiven Merkmale der neuen Schutzkleidung überdacht. Um hier auf die Erfahrung derer zurückgreifen zu können, die die Schutzkleidung im täglichen Einsatzgeschehen verwenden, wurde eine Projektgruppe aus allen Bereichen der Feuerwehr zusammengestellt. Angefangen vom Truppmann bis hin zum Wehrleiter. Vorrangige Aufgabe der Projektgruppe war es hierbei, unter Berücksichtigung der geltenden Normen und Vorschriften eine Schutzkleidung zu finden, die den bestmöglichen Schutz bei Brandbekämpfung (thermische Belastung), technischer Hilfeleistung (mechanische Belastung) und bei ABC-Einsätzen (chemisch-physikalische Belastung) bietet. Konstruktiv sollte die Schutzkleidung im Vergleich zur bisher verwendeten einen größeren Tragekomfort –sofern man in diesem Bereich überhaupt von „Komfort“ sprechen kann- bieten. Hierzu zählt insbesondere die Optimierung der bei der bisher verwendeten Schutzkleidung kritisierten Bereiche: 
 

  • mangelnde Bewegungsfreiheit
  • schlechte Kniepolsterung
  • mangelhaftes Hosenträgersystem
  • fehlender Panikreißverschluss
  • hohes Gewicht
  • großer Hitzestau und Hitzestress

 

Wahl der Materialien

Nicht nur aufgrund der physikalischen Eigenschaften und der Chemiekalienresistenz, sondern auch aus den Erfahrungen skandinavischer und nordamerikanischer Feuerwehren sowie zahlreicher Werkfeuerwehren, fällt die Entscheidung, PBI-Gold ® als Oberstoff zu verwenden. Insbesondere die Flammfestigkeit, die in einem Vergleichstest der North Carolina State University mit 1093° C über 10 Sekunden zu einem überraschenden Ergebnis führte, überzeugte die Projektgruppe. Während die Materialien anderer Hersteller brüchig wurden und zum Teil verkohlten, blieb die PBI®- Schutzkleidung auch nach der Beflammung weich und flexibel. Als Nässeschutzmembrane wurde sich für eine vergleichsweise günstige PTFE-Membrane entschieden. Diese verfügt zwar über eine geringere thermische Belastungsgrenze, da aber auch die teueren Membranen thermische Belastungsgrenzen haben, die unterhalb der zu erwartenden Temperaturen einer Stichflamme liegen, wurde die günstigere Variante gewählt. Den thermischen Schutz bietet nach wie vor der Oberstoff und nach einer entsprechenden Flammenbeaufschlagung muss davon ausgegangen werden, dass die Schutzkleidung ausgetauscht werden muss. Weiterhin wurde eine zusätzliche Hitzebarriere zum Abbau des Hitzestress gefordert. Damit ergibt sich für das Material ein 4-lagiger Aufbau:

  • PBI-Gold ® als Oberstoff
  • PTFE als Nässemembrane (gewählt   wurde hier Isotemp® Tex HY-PTFE)
  • Hitzebarriere (gewählt wurde hier Nomex® / Kevlar-NK-Air
  • Innenfutter

Für den Schutz der Ellenbogen- und Kniebereiche wurde sich für die Verwendung von PAR 250 Protektoren mit Kevlar ® / Silikon entschieden, zur Sicherung im Straßenverkehr sollten Reflexite ® FTP 1200 Advanced  (50 mm) Verwendung finden.

Optimierung der konstruktiven Merkmale

Um den Kritikpunkten der bisher verwendeten Standardkonfektionen zu begegnen, wurden auch hier zahlreiche Wünsche geäußert und im Pflichtenheft festgehalten. Hierzu zählen insbesondere:
-Schulterpartie mit aufgesetzter Polsterung zur besseren Polsterung der PA-Bebänderung

  • Hochstellkragen mit verbreitertem Klettriegel zum besseren Schutz der Halspartie
  • Panik-Reißverschluss
  • zwei eingenähte Funkgerätetaschen-Taschen um dem Funkkonzept Rechnung zu tragen
  • Windfang in den Ärmeln mit Daumenloch
  • Golffalten im Rückenbereich für größere Bewegungsfreiheit bei optimierten Schutzwirkung
  • Revisionsöffnung im Saum zur Kontrolle der Membranen
  • hohe Bundhose mit Rückenlatz und Gummizug
  • fest angenähte Hosenträger, hinten über Kreuz vernäht, vorne mit Klettverschluss
  • zwei seitliche Eingrifftaschen mit Patte und Klett

Zusätzlich sollten die bereits oben erwähnten Protektoren und Reflexstreifen Verwendung finden. Bei der Kniepolsterung kann der Einzelne für sich entscheiden, ob er 2 oder 3 Lagen Polsterung bevorzugt

Auswahl des Konfektionärs
Es wurden die unterschiedlichsten Konfektionäre angeschrieben und um Abgabe eines Angebotes auf Grundlage des Pflichtenheftes und Lieferung entsprechender Musterkollektionen nach den individuellen Vorgaben der Feuerwehr Lüdenscheid gebeten. . Es wurden Wasch- und Trageversuche unternommen um im Vorfeld die Haltbarkeit und die Verarbeitung beurteilen zu können und um die gewünschten konstruktiver Merkmale ggf. weiter optimieren zu können Nach dieser Testphase erhielt die Fa. Heinrich Vorndamme oHG (Isotemp®) den Zuschlag. Die Fa. Vorndamme konnte die individuellen Forderungen am überzeugendsten umsetzen und die Verarbeitung, insbesondere die der Nähte, ließ auch nach zahlreichen Waschversuchen keine Schwächen erkennen.

Finanzierung
Die für eine Ersatzbeschaffung notwendigen Haushaltsmittel wurden bereits im Jahre 2006 in den Haushalt für 2007 gestellt. Da die Anschaffungskosten für PBI-Gold®  als Oberstoff nun höher liegen als die für eine vergleichbare NOMEX®  Garnitur, wird die Ausstattung der gesamten Feuerwehr über einen Zeitraum von drei Jahren geplant.
Die hauptamtlichen Kräfte konnten ihre neuen Garnituren bereits Ende Mai in Empfang nehmen. Über den Förderverein der Feuerwehr Lüdenscheid wurden Mittel bereitgestellt, die es ermöglichen, für den ersten Löschzug der ehrenamtlichen Kräfte 6 Garnituren zu beschaffen. Damit werden nahezu alle hauptamtlichen Kräfte und jeweils 10 ehrenamtliche Kräfte der einzelnen Löschzüge mit der neuen Schutzkleidung ausgestattet sein. Vorrangig erhalten dabei die Atemschutzgeräteträger die neuen Garnituren. Das Engagement des Fördervereins wird bis zur flächendeckenden Ausstattung der Feuerwehr Lüdenscheid im Rahmen der Möglichkeiten anhalten.

Präsentation
Nicht nur die Tatsache, dass Neuerungen bei den Feuerwehren häufig mit offiziellen Übergaben im Rahmen von Feierstunden öffentlichkeitswirksam vorgestellt werden, sondern auch der Umstand, dass die Feuerwehr Lüdenscheid als eine der ersten öffentlichen Feuerwehren Deutschlands PBI-Gold® als Brandschutzkleidung einsetzt, nahm die Wehrleitung zum Anlass, die neue Schutzkleidung offiziell zu präsentieren. So fanden sich zu dieser Präsentation am 01.06.2008 ca. 150 geladene Gäste im Ratssaal der Stadt Lüdenscheid ein. Hierbei konnten sich die Vertreter aus Rat und Verwaltung, Funktionsträger benachbarter und befreundeter Feuerwehren sowie anderer Institutionen der Feuerwehr und Vertreter des heimischen Gewerbes von dem Konzept und der Funktionalität der neuen Schutzkleidung überzeugen.

Schlussbetrachtung
Die neue Brandschutzkleidung der Feuerwehr Lüdenscheid hat in der Öffentlichkeit für viel Aufsehen gesorgt. Eine andere Farbe, ein neuer Oberstoff, der übrigens bei vielen Werkfeuerwehren bereits seit Jahren Standard ist, und eine neue Denkweise. War die Denkweise von Feuerwehren und Kommunen bisher im wesentlichen dadurch geprägt, wie man mittels Technikeinsatz Einsatzerfolge optimieren und Folgeschäden für die Betroffenen minimieren kann, wie man Menschenrettung effektiver durchführen und Brandprävention stärker zum Erfolg bringen kann, so sind die Bemühungen um die Sicherheit des Einsatzpersonals eher als Nebensache zu werten. Die Feuerwehr Lüdenscheid geht hier neue Wege, indem sie die Sicherheit des Einsatzpersonals auf das gleiche Niveau hebt, wie die Sicherheit der Bürger und der Sachwerte. Dem kritische Hinterfragen der bisherigen Vorgehensweisen und die aktive Einbindung des Personals in die Entscheidungsfindung selber folgt zumindest für das Projekt „Brandschutzkleidung“ folgende Erkenntnis: motivierte Mitarbeiter mit einer Kleidung mit höherer Schutzwirkung können die vorrangigen Aufgaben der Feuerwehren –Menschrettung und Sachwerte schützen- effektiver erfüllen. Und das bei geringerer Eigengefährdung. Die Feuerwehr Lüdenscheid erhebt dabei für sich nicht den Anspruch, die perfekte Feuerwehr zu sein. Sie möchte vielmehr zum Nachdenken anregen. Nachdenken zum Beispiel darüber, ob die Schutzkleidung der Feuerwehr wirklich immer Blau sein muss.

Bernd Manthey, Hauptbrandmeister
Jörg Weber, Brandoberinspektor

 

Andere Bekleidung

Hier sehen Sie Einsatzbekleidung für besondere
Einsätze, bei denen PBI-Gold nicht eingesetzt wird:
Strahlenschutz Hitzeschutz Chemieschutz
Strahlenschutz Hitzeschutz Chemieschutz

Datum


Montag, 21. August 2017

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